Rot und Roth und …

Vorab: Wer nichts privates und sportlich nicht relevantes lesen möcht, der hört bitte nach dem zweiten Absatz auf!

Alarmstufe Rot herrscht schon wieder an der Elbe. Meine Laufstrecke ist schon wieder an einigen Stellen überflutet, das Elbnächteareal gerade aufgebaut musste schon wieder abgebaut werden, der Regen nervte und es scheint, als ob es auch gleich wieder los geht. Das macht echt keinen Spaß. Aber diesmal soll bei 5,60 m Pegelstand Schluß sein.

Vereinsausfahrt

Vereinsausfahrt

Rot war auch ein schönes Erlebnis in den letzten Tagen mit den sehr sehr wenig Trainingseinheiten. Am Sonntag war ich auf einer schönen Radausfahrt mit drei Vereinskameraden und unabgesprochen standen wir alle in Vereinskleidung da – das war echt schön und da merkt man sehr, wie wichtig jedem einzelnen doch auch der Verein und das Zusammengehörigkeitsgefühl und Indifikationsgefühl ist. Die Ausfahrt war geplant schon länger als eigentlich auf meinem Plan stand, aber da wir bei 72 km Pause machten, war es dann auch okay. Trotz allem waren die 120 km mit knapp 1.700 Höhenmeter am Ende ziemlich anstrengend und ich musste meine Kameraden ein bisschen ziehen lassen. Da aber insgesamt nur 3 Einheiten in der Woche zustande gekommen sind, war es auch in Ordnung. Und mal wieder eine andere Runde und Region zu erleben war auch sehr schön. Die Ausfahrt war auch mit wenig Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme verbunden und da ich beim Wettkampf immer reichlich zu mir nehme, stimmte es mich auch zuversichtlichlich, dass Roth kommen kann.

Roth – Roth steht zwischen „Rot“ und den drei Punkten und den Ernst der Lage habe ich nicht in die Überschrift genommen, aber er ist vorhanden. Zum einen ist es nur ein Wortspiel „Rot und Roth und tot“ welches meinen derzeitigen Kampf mit dem Start zum Ausdruck bringt, zum anderen aber auch die echte Bedeutung dieses kurzen Wortes. Der Kampf mit dem Start resultiert aus den folgenden Gegebenheiten und der echten Bedeutung des Wortes.
Am Montag hatten wir den Termin zur Feindiagnostik und eigentlich wollten wir nur feststellen lassen, ob die Vermutung des Geschlechtes unseres Kindes nun stimmt oder nicht, ob wir also zukünftig stolze Eltern einer kleinen Starterin oder unser Kind eher in den Ergebnislisten der männlichen Kategorie finden. (Bitte nicht falsch verstehen, nein wir wollen unserem Kind keinen Druck aufbauen in die Triathlon-Stapfen des Vaters zu treten, aber man spielt schon ab und an mit dem Gedanken und es ist ab und an ein schönes Sinnbild.) Bis wir endlich dran kamen, mussten wir noch einige Zeit warten. Ein Paar vor uns, kam erst ganz freudig raus, da es nun wusste, welches Geschlecht ihr Kind hat. Als sie ein zweites Mal im Zimmer waren, sahen sie irgendwie nicht mehr ganz so glücklich aus. Ich machte mir da schon so meine Gedanken, was die gerade gehört hatten. Als wir – (gefühlt) kurze Zeit später – feststellten, dass wegen uns alle nachfolgenden Patienten nach Hause geschickt worden waren sah die Welt schon ganz anders aus. Was war geschehen? Nach Sekunden war die Frage des Tages gelöst und die Altersklasse unseres Wurms fängt mit m an. Dann waren die wissenschaftlichen Untersuchungen dran, wir hatten ausgiebig Baby-TV, aber ganz oft sahen wir nur das Herz. Gerade jetzt erst beim Schreiben wird mir klar, dass der Arzt sich evtl. absichtlich verständnislos gestellt hat und mir meine Frage, wo denn vorn, hinten, rechts und links ist, erst nach einigen Nachfragen beantwortet hat. Immer wieder gab es Aufnahmen des Herzens, ich dachte er muss eine bestimmte Position des Herzschlages erfassen, aber irgendwann kam dann der Satz „Für heute machen wir hier mal einen Punkt.“ Und dann wurde der Tonfall ganz schnell ernst, nach anfänglichen Gesprächen war es inzwischen (unbemerkt) auch ruhig geworden. …Sprachfetzten….Trauer….krampfende Hände….- das Herz ist gar kein Problem, völlig in Ordnung und völlig gesund, aber das Herz sitzt auf der falschen Seite …. eine Folge der Zwerchfellhernie. Da stand er nun, der Begriff, der alles anders macht, Zweitmeinung, europäische Spezialklinik, etc. beruhigten einen nicht wirklich. Zum Glück hatte ich vor kurzem von einer Herzoperation im Mutterleib gehört und damit doch alles nicht so ganz aus einem Science-Fiction-Film empfunden. Mit so einer offenen Situation ging es in die Nacht, auf der Rückfahrt liefen die Tränen und für einen kurzen Bruchteil einer Sekunde überlegte ich das Lenkrad zu verreißen.
Am Abend forderte Sabine von mir noch ein, ihr den Roth-Start zu versprechen. Das habe ich bis heute nicht. In dem ganzen Gedankenchaos der folgenden Tage, tauchte der Roth-Gedanke aber immer wieder auch auf. Es kamen Erinnerungen an den OEM 2012 hoch, der mehr als hart für mich war, aber am Ende konnte ich Sabine die Medaille in die Hand drücken, die sie auf dem Weg durch den Krebs bis heute begleitet. Ich werde ruhig werden müssen und schlafen können, sonst wird das Ziel ganz ganz fern werden, aber gleichzeitig wird das Ziel auch unwichtig. Einige Termine später gibt es eine neue Zeitschiene, Roth könnte klappen und bei meinem gestrigen Lauf durch das Hochwasser wäre ich liebend gern einfach noch 20 km mehr gelaufen, überlegte Roth ohne Uhr zu laufen, nur mit dem Namen meines Sohnes auf dem Unterarm (dabei überlegte ich aber auch, dass der nicht auf ein Bild kommt und vorher bekannt wird). Heute sieht die Welt erstmal (das ändert sich z.Z. aber innerhalb von Stunden) wieder deutlich besser aus. Es gibt Glück im Unglück, auch wenn der Weg hart wird, aber das kleine Wörtchen „tot“ ist doch wieder ziemlich weit weg. Allerdings unter der Voraussetzung – und wir sitzen hier wie auf Kohlen, dass das Telefon mit dem Bescheid des Schnelltests endlich klingelt – dass da kein genetischer Defekt vorliegt (was aber auch unwahrscheinlich ist). Nach dem Lauf gestern und der freudigeren Zukunft seit heute sehe ich dem Roth-Start dann doch wieder positiv entgegen und die nicht vorhandenen Trainingseinheiten beunruhigen mich auch gar nicht mehr, denn eine Zielzeit ist nochmal unwichtiger geworden, aber der Kopf dafür um so klarer. Ich weiß wofür ich im kämpfe und das gibt mir ganz viel Kraft.

Roth ich komme!

PS: Falls jemand mehr wissen will und sich interessiert, was uns bevorstehen kann (!!!), dem sei folgender Artikel empfohlen. Beim Lesen aber bitte beachten, dass der Verlauf bei uns prinzipiell aber eher positiv sein wird. Der Artikel ist hier.

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5 Antworten zu Rot und Roth und …

  1. Din schreibt:

    Hallo ihr drei, ich wünsche euch alle Kraft der Welt und hoffe, dass euch auch das komplette Glück ereilt! …und ja, Roth kommt für dich. Ich halte dir die Daumen. Genieße jeden Moment, es wird großartig! Die Zeit ist doch egal und das Publikum wird dich ins Ziel tragen.

    Alles Liebe.

  2. Ralf schreibt:

    Gen(schnell)test war gut, sprich in der Hinsicht ist das Kind völlig gesund. Wir sind wieder guten Mutes, auch wenn der Weg nicht ganz einfach wird.

  3. Claudi schreibt:

    Hallo Ralf,
    ein guter Schnelltest macht Mut, so soll es sein. Ich wünsche Euch trotzdem viel Kraft, die kann man nämlich immer gebrauchen, egal ob in Roth oder sonstwo.
    Viele Grüße,
    Claudi

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