Einsam in der Schneewüste

Nachdem das Monster verbannt war und meine Gesundheit vollständig wiederhergestellt stand einer erfolgreichen letzten Belastungswoche in der Base1-Phase nichts entgegen.

Der Winter hat Deutschland noch fest im Griff und so ist es bei Outdoor-Sportarten nicht immer einfach, aber ich mag den Winter und stelle mich gern den Herausforderungen. Es fühlt sich nur etwas komisch an, wenn man überall noch zwischen Schneebergen läuft und am Samstag der erste Wettkampf der Saison (der Wintermarathon war ja kein Saisonwettkampf) stattfinden soll. Direkt von Null auf Halbmarathon-Bestzeit ist irgendwie keine so gute Idee und so muss halt vorher noch was her. Das wird am Samstag der Fockeberglauf in Leipzig werden und falls der wegen Schneemassen ausfallen sollte, würde ich alternativ am Sonntag zum Mazdalauf in Eilenburg antreten. Evtl. gibt es vor dem Berliner Halbmarathon auch noch den Citylauf in Dresden, aber der passt nicht so richtig in den Plan und in der Vorbereitung reichen mir auch einfache kleine Läufe, da muss es nicht immer ein Event sein, mit T-Shirt und Co und entsprechend hohen Startgebühren, wenn man sich erst an Tag X entscheidet.

Aber zurück zur Woche, zur winterlichen Woche. Am Dienstag ging es los mit Einlaufen, 3 x 8 Min, Auslaufen. Das war ganz gut, vor allem kam ich dadurch in der Trainingszeit deutlich weiter. Früher konnte ich mir das nie vorstellen – Training nach Trainingszeit und nicht nach Kilometern, aber das war in dem Plan einfach so und ist gar kein Problem. Gerade beim Radfahren kann ich mir nun eigentlich kein Training mehr nach Kilometern vorstellen. Am Anfang bin ich auch immer mit Musik gelaufen und ich mochte meine Playlisten und fand die enorm wichtig in meinen 10-Kilometer-Läufen. Nach meiner Verwarnung wegen MP3-Player in meinem ersten Staffel-Triathlon ist es damit vorbei und es stört mich überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich kann mir nicht mehr vorstellen mich von der Musik bestimmen zu lassen oder evtl. gegen die arbeiten zu müssen. Obwohl – bei 10-km-Läufen könnte das nach wie vor funktionieren. So entwickelt man sich und inzwischen gibt es auch einige Leute in meinem Umfeld, die mich viel länger oder überhaupt nur als Sportler kennen als in der Zeit davor – dass muss ich mir auch ständig vor Augen halten. Ein bisschen Bedenken habe ich schon, dass mir nach Roth nur noch mein Sofa lieb und teuer ist und der Norseman zu unrealistisch fern und alles andere geschafft ist. Wir sind immer noch bei Einheit 1 in dieser Woche – wie lang soll der Post noch werden? Naja, für kurze Artikel bin ich auch nicht bekannt.

Dienstagabend war ich Schwimmen. Die Trainingseinheit war von den Daten nix besonderes, typische 1-h-Eintritt-Einheit. An Pläne beim Schwimmen halte ich mich sowieso nicht mehr. Nach der Bestandsaufnahme beim Schwimmseminar und meinem 400 m-Test bei dem ich eine Zeit aufstellte, die für die Einordnung in das nach oben offene langsame Fenster diente, hab ich mir keinen Plan mehr angeschaut und mich auf die Worte aus dem Schwimmseminar konzentriert – Technik, Technik, Technik, es ist auch nicht schlimm nach 30 Minuten aus dem Wasser zu steigen und falls Du unbedingt Strecke machen willst, dann schalte eine Fehlerquelle aus. Seitdem versuche ich soweit wie möglich Technikübungen zu machen und schwimme sonst fast alles mit Brett zwischen den Beinen bzw. ganz viel. Meist 100 m Kraul, 200 m Kraul Arme, 200 m Kraul Arme mit Tech-Paddles, 200 m Kraul Arme, 2 x 100 m Kraul und diese Pyramide mit kürzeren Distanzen nochmal, wenn in der Einheit noch Zeit ist. Vom Schwimmseminar ist mir außerdem ganz präsent, dass man unbedingt mit reiner Lage ohne Hilfsmittel aus dem Wasser steigen sollte und das es für das Erlernen (von Änderungen) mind. ca. 1000 Wiederholungen braucht.
Und nun kommt es. Ich denke, am Dienstag waren die 1.000 Wiederholungen für den ordentlichen Armzug voll. Es lief, fühlte sich gut an und ging ganz automatisch. Am 9.3. ist wieder Schwimmseminar, mal sehen, ob das dort auch so gesehen wird. Langsam bin ich also mit meiner Technik für den Oberkörper auf 50 bis 100 m zufrieden, fehlen also nur noch die Beine (dabei hoffe ich ja, dass sich Neo dann so anfühlt, als ob ich den Part auslassen kann) und die Steigerung auf 3,8 km. Ich hab ja noch 4 Monate 🙂

Da war ja noch was mit dem Schnee. Den hatte ich auch am Mittwoch wieder bei der morgendlichen Radausfahrt. Rolle – was ist das? Kenne ich nicht, muss wohl irgendwo in der Hölle schlummern, ich hab mein Spaß unter freiem Himmel und hab es diese Woche dabei noch entspannter angehen lassen.
Mhm, da gab es ja noch diesen Punkt, der hieß glaube ich „Athletik-Training“ – irgendwie ist der irgendwo verloren gegangen. Ich hoffe aber, ihn nächste Woche wiederzufinden.

Laufen und Schwimmen am Donnerstag waren unspektakulär. In der Schwimmhalle fühlte man sich zwar wie beim Triathlonstart, aber beim Laufen wurde ich zumindest nicht geschlagen. Die Base-Phase zeichnet sich übrigens dadurch aus, dass fast an jeder Trainingseinheit auch Vorgaben zur Ausführung stehen, auch wenn sie manchmal noch harmlos klingen, so macht man doch nicht mehr ganz das was man will. Base heißt übrigens auch nicht nur lange langsame Einheiten, sondern Geschwindigkeit ist ja auch eine Grundlage und so geht es gegenüber der Prep-Phase doch häufig schneller zur Sache. Bei den Schwimmeinheiten lasse ich mich von dem Plan wie oben erwähnt zumindest gar nicht stressen – da müsste man auch erst in einem anderen Dokument nachschauen – und erfreue mich an meinen kleinen Fortschritten. Motto des Tages war übrigens – ich lasse das Atmen mal weg, das bringt nur Unruhe rein – und so gab es öfter 7er oder 9er Atmung.

Beim Polarpersonaltrainer gibt es derzeit einen Wettkampf, an dessen Ende, die drei Erstplazierten ein kleines Geschenk bekommen. Letzte Woche noch überraschend auf Platz 1 war ich etwas beflügelt, wurde aber von den Freaks dann wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht, aber war über das freitagliche Geschehen doch ein wenig enttäuscht. Wieder gab es den langen Lauf vor der Arbeit, aber 5 Minuten vor der Haustür, meinte dann meine Pulsuhr, dass ich die Batterie nun endgültig ausgereizt habe und verweigerte mit einem letzten Piep ihren Dienst. Leider fand damit diese Trainingseinheit techisch gar nicht statt und mir fehlen 2.000 Kalorien im Wettbewerb. Mist. Diese 5 Minuten waren übrigens auch so ganz komisch. Wenn ich jetzt gehe, ist es ja auch egal, warum das Ganze,…. – okay, das war wohl ziemlich von dem Wettbewerbsgedanken geprägt, aber ich war schon überrascht, wie ich Knecht der Technik wurde. Andererseits spielten sich im Kopf auch wieder ganz andere Gedanken ab und ich visualisierte zum tausendesten Mal den Zieleinlauf in Roth und mir war klar, lieber jetzt mal quälen (so schlimm war die Laufeinheit aber gar nicht) und in Roth aber den ganzen Tag dann einfach nur Spaß haben können und glücklich durchs Ziel laufen zu können. Ich will auf dem Teppich einfach nur noch tanzen, abklatschen und springen und mich nicht einfach nur ins Ziel retten.

Nach der Einleitung kommen wir nun zur Schneewüste. Naja noch nicht ganz 🙂 Freitagabend gab es die Vorbereitungen dafür, Taschen für die Wochenendtrainingseinheiten packen, Sabine ins Navi vom Auto einweisen, Strecke auf den Edge und zeitig ins Bett. Samstagmorgen wollte ich mit einer 4-h-Einheit zu meinen Eltern fahren und 12 Uhr dort ankommen.
Ich kam dann 8:10 Uhr los und mit den ersten Höhenmetern wurde mir schnell warm. Meine X-Bionic-Käufe sind aber kaum mit Gold aufzuwiegen. Das ist eher eine Lebensversicherung. Absolut jeden Cent wert. Nach nicht mal einer Stunde und keinen 15 km war der Spaß aber nämlich vorbei. Bis dahin hatte ich auch schon heftige Wege und an Pulsbereiche war gar nicht mehr zu denken, aber es ging irgendwie und hatte den einen oder anderen tollen Moment. Nachdem es dann aber wieder von einer Straße in Richtung Feld ging, ging es nicht mehr lange gut. Es gab keine Spuren mehr, der Weg war kaum noch erkennbar, die Schneewehen wurden immer größer, aber ich war dann auch schon soweit, dass der Rückweg zur Straße mir sehr weit vorkam und es dann doch wohl kürzer sein würde, mich weiter vorzuarbeiten. Dies ging kaum noch mit fahren. Immer öfter schob ich das Rad, ab und an hatte ich mal eine windgeschütztere Passage (und damit ohne Schneewehen) bei der man den Kampf gegen die einfache Schneehöhe nochmal aufnahm, aber irgendwann gab ich auf. Ich versuchte nicht mehr aufzusteigen sondern schob mein Rad. Die Biegung und die Biegung, irgendwie schien keine Straße zu kommen. Der Schnee wurde tiefer und tiefer, ich lief inzwischen auch nicht mehr auf dem vermuteten Weg, sondern an dessen Rand auf den Büschen, denn so sank ich nicht ganz so tief ein. Es kam mir schon endlos vor als ich einen Kirchturm sah und nun wieder Hoffnung schöpfte, schließlich sah ich auch Baumreihen und hoffte somit auf eine Straße, nur ein Auto sah ich nirgendwo. Der Kirchturm kam näher, aber gleichzeitig entdeckte ich, dass es noch über einen weiteren Hügel gehen würde und das die Baumreihe doch keine Straße ist und dann war ich auf einmal ganz einsam. Ich schrie vor Wut, vor Wut über mich selbst und der blöden Streckenplanung, warum hatte ich auch die Checkbox bei „Fusswegen folgen“ angeklickt. Klar im Normalfall ist das mit dem MTB ein zusätzlicher Spaßfaktor, aber gerade war es eigentlich ein unüberwältigendes Hindernis. Ich hatte keine Lust von der Extremsituation Fotos zu machen, obwohl ich extra die Kamera wegen solchen Dingen mitgenommen hatte, aber jetzt wollte ich einfach nur wieder Zivilisation. Ich schrie und keiner registrierte es. Immer wieder sank ich so tief mit dem Vorderrad ein, dass sich das Hinterrad gen Himmel bewegte. Meine Beine, die punktuell schwerer belastet waren, waren mittlerweile bis zum Knie im Schnee. Auf einer kurzen Strecke entschied ich mich dann sogar dafür das Rad zu tragen. Und irgendwann endlich, nach gefühlter Ewigkeit und Halbverzweiflung, nach gedachten 3 km und nach hinterher festgestellten 4,5 km war ich am Rand des Dorfes mit der Kirche. Bis dahin war keine Straße oder besserer Weg aufgetaucht. Die ersten Leute, die ich sah, schienen sich sehr zu wundern, wo ich herkam. Zu Erwähnen, dass ich überall der Erste war, der den Schnee betrat und Spuren gezogen habe, brauche ich wohl nicht. Ich war an der Kirche, hatte die Schnauze voll und tatsächlich „schon“ ein Viertel der Strecke absolviert. Ich war 50 Minuten hinter dem Zeitplan mit 20 km/h und ich schwor mir heute auf keinen Feldweg mehr zu fahren sondern auf der Straße zu bleiben. Eine Zeit lang lief es jetzt gut und ich war froh, dass ich eine Route gewählt hatte, die im Zielbereich diesen quasi weiträumig umkreiste und ich so jederzeit abkürzen konnte. Schließlich würde 12 Uhr das Essen auf dem Tisch stehen 🙂 In dem Zeitraum des Aufholens war es auch sehr komisch vom Gefühl her, einerseits wollte ich einfach nur schnellstmöglich ankommen, wenn ich das aber wirklich bewerkstelligen würde in dem jetzigen Tempo, dann würde ich keine 4-h-Einheit absolviert haben. Ich müsste also trotz des Frustes eine Schleife einbauen bzw. die noch teilweise fahren müssen. Es dauerte aber nicht lange, da wurden diese Gedankenspiele jäh unterbrochen. Es war offenes Feld und ich fuhr nur in eine Richtung und der Wind nahm zu. Obwohl ich mich nun auf Straßen – die auch ziemich verweht und verschneit waren – bewegte, schlug die Lage aber von Aufholen (gegen den virtuellen Gegner) wieder auf verlieren gegen den Gegner um. Nicht das mir das wirklich was bedeutete, aber ich musste halt ziemlich pünktlich bei meinen Eltern sein. Ich wich den Feldwegen aus, aber irgendwann war ich an einer Stelle, da hieß es eigentlich wieder Feldweg stürmen. Wollte ich aber nicht. Weiter auf der Straße wäre laut Track rückwärts, rückwärts wäre von da wo ich gerade komme, also doch Feldweg? Nach 100 m Test beschloss ich, dass es das nicht sein kann, also Handy raus, Karte anschauen und orientieren. Ja, ich hatte das Handy in der Hand, sicherheitshalber hatte ich das aber in eine Folietüte gepackt mit so einem tollen Clipverschluss. Nach Handschuh ausziehen und gefühlten 50 Versuchen hatte ich dann doch die Tüte auf und konnte das Handy benutzen. Zum Glück gab es auch etwas Empfang und ich hatte dann wieder einen Plan. Die X-Bionic-Teile hielten zwar Körper und Beine warm, aber Füsse und Hände wurden bei dem Gegenwind ziemlich ausgekühlt. Die Straßen waren katastrophal – total verweht und darunter einfach nur Eisplatten, aber irgendwann war es dann geschafft, ich war auf altbekannter Strecke und musste nur noch heim. Es waren noch ca. 15 km. Blöd war vor allem, dass ich es nicht mehr schaffte mit dem linken Daumen die Schaltung zu drücken, dass die Kette von dem mittleren auf das große Blatt springen würde. Mit Unterstützung der rechten Hand habe ich das dann aber hinbekommen und die warme Badewanne kam immer näher. Ich wurde wieder schneller und der Wind war mir nun endlich auch positiv gestimmt. Kurz nach 12 Uhr konnte ich endlich auf die Klingel bei meinen Eltern drücken. Es war eine heftige Einheit, aber ich bin stolz die durchgezogen zu haben. Obwohl nicht ganz, denn es war heftig und ich bin froh überhaupt heimgekommen zu sein, aber am Ende standen nicht 4 h auf der Uhr, sondern „nur“ 3:50 h. Das ich 18 km abgekürzt habe ist mir einerseits egal, denn es geht nur um die Trainingszeit, aber dass da 10 Minuten fehlen, ist irgenwie doch blöd. Aber objektiv wohl völlig egal. Die Schmerzen als wieder Gefühl in meine Finger kam, waren mir eher nicht egal, sondern ziemlich heftig. Nach diesen 10 Minuten und dem Wannenbad sah die Welt aber wieder ganz anders aus. Da war wieder alles völlig okay und es war einfach nur eine Trainingseinheit, am Ende nicht mal sehr zerstörend.

Die Woche klang dann aus mit Familientag am Samstag, wieder heftigem Schneefall, aber auch langer Schwimmeinheit in meiner Lieblingsschwimmhallte in Riesa am Sonntag und einem kurzen Lauf am Sonntagnachmittag. Das war ganz komisch. Nachmittags laufen gehen bin ich gar nicht gewöhnt und fühlt sich ganz anders an. Funktioniert hat es dennoch und bei zukünftigen Koppelläufen wird mir das noch öfter bevor stehen.

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3 Antworten zu Einsam in der Schneewüste

  1. Din schreibt:

    Wow, das klingt nach einem unglaublich ausgefüllten Wochenplan. Schlägst dich ja super und schön, dass es dir wieder gut geht.

    Weiter so.

    • Ralf schreibt:

      Sollte in der letzten Belastungswoche auch ausgefüllt sein 🙂 Effektive Trainingszeit waren 13:22 h – jetzt in der Entlastungswoche sind es „nur“ 9:45 h, aber es kommt mir wirklich wenig vor.

  2. runHerne schreibt:

    Viele, viele Worte und viel, viel Training! Solange es Spaß macht … 😉

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