DNF is not an option – Oberelbemarathon

Nachdem am Samstag meine Motivation zurückgekehrt war, war ich guter Dinge. Ich hörte mir noch 2 Vorträge auf dem Läufersymposium an, holte dann meine Freundin Sabine vom Zug ab (bis es weiter geht, darf sie noch ein paar Tage zu Hause verbringen) und am Abend gab es noch ein schönes Treffen wieder von Manu organisiert, mit ein paar bekannten Gesichtern aus der Bloggerszene und der lokalen Laufszene und auch ein paar neuen Gesichtern. Es war ein schöner Abend und Sabine und ich genossen die Stunden. Danach machte ich dann noch mein Zeug zurecht und nicht nur meine Mütze lag noch in Leipzig, auch das Shirt mit dem ich eigentlich laufen wollte. Also nochmal umplanen. 3/4-Hosen und Muscle-Shirt, kurze Hosen und das leichte Rennshirt oder doch Trisuit? Es dauert eine Weile und ich entschied mich dann für kurze Hosen und für das leichte Brooks Equilibrium SS.

Die Nacht war unruhig – es war schon so tierisch warm – und ich schlief eigentlich erst gegen 3:30 Uhr wirklich ein. Frühstück, Zeug packen und ab zur S-Bahn. Das Thermometer zeigte schon beim Aufstehen 18 Grad. Ich war guter Dinge, auch wenn der Satz „Ich bin müde.“ über meine Lippen floß. Die Bahnfahrt war ganz unterhaltsam als Dirk und Tom, den ich da kennenlernte, zustiegen. In Königstein angekommen atmete ich auf als ich merkte das wir Rückenwind haben würden. Ich hatte meine Zielzeit wegen der Hitzeankündigung um 15 Minuten reduziert, jetzt würde uns Rückenwind unterstützen, Motivation war auch da – das muss doch was werden. Die Zielzeitenläufer reihten sich erst spät in die Startaufstellung ein, aber ich stand gut. Auf geht’s.

Königstein - noch ist die Welt in Ordnung

Königstein - noch ist die Welt in Ordnung

Schuß und ab. Gleich ziemlich am Anfang wollte noch ein Freund mit der Kamera stehen. Kurz davor war km1 schon vorbei und mit 4:43 Min mehr als im Plan. Ich legte mich nicht genau fest, wollte unter 5:00 Min bleiben und würde bis 4:37 (die theoretisch mögliche Marathongeschwindigkeit) keine Angst bekommen. Es kam mir aber viel langsamer vor. Trotzdem also piano machen. Was mich wunderte war mein hoher Puls, der war jetzt schon jenseits von Gut und Böse, aber ich schrieb das der Aufregung zu. Bei km 3 sah ich schon mal 180 auf der Uhr – oh oh oh – das ist gar nicht gut. Ich versuchte bewußt locker zu laufen und zu entspannen. Das Tempo stimmte zwar, aber der Puls stieg dennoch. Jetzt kam auch noch die 3:30 h-Gruppe an meine Hacken, obwohl ich doch schon fast eine Minute Vorsprung haben müsste. Gleiche Erlebnisse wie letztes Jahr. Das störte mich, aber diesmal hielt ich mich etwas in der Gruppe auf. Bald gab es den ersten Verpflegungsstand und oh weia, ich musste jetzt schon aufs Tempo schauen, der Kilometer war mit 5:03 leicht zu langsam. Beim Verpflegungsstand nahm ich meine Becher, lief aber durch, so verschaffte ich mir zu dem Pulk wieder etwas Luft, aber er kam wieder ran, also dann doch einfach mitlaufen. Die liefen aber etwas zu schnell und irgendwie fand ich keine richtige Ruhe in der Gruppe. Mein Puls stieg, ich musste immer wieder aufs Tempo achten, so nach und nach lief ich nicht mehr neben den Zeitläufern, sondern dahinter. Irgendwann als wir das Ortseingangsschild von Pirna passiert hatten, entschied ich dann, ich mache mein Ding, wenn ich weiter versuche dran zu bleiben, schaffe ich es nicht bis Dresden. Es war aus und vorbei, die 3:30 h waren abgehackt, ab jetzt hieß es nur noch irgenwie etwas runter kommen, den Puls zu beruhigen und anzukommen. Ich war auf einem Niveau, den ich oft nicht mal beim Zielsprint habe, aber es kam mir auch nicht so vor. Ich stöhnte auch nicht über die Wärme, ich konnte nur einfach irgendwie nicht. Als ich mich entschieden hatte, die Zugläufer laufen zu lassen ging es mir besser, ich kam leicht runter und oh ha, es lief nach der Zeit sogar noch ganz gut. Auch die nächsten Kilometer blieb ich noch unter 5:00. Als wir in die Altstadt von Pirna einbogen hatte der Pulk 50 – 100 Meter Vorsprung. Berghoch nahm ich gefühlt raus, aber auch der Kilometer war in Ordnung. Den Stadtrundlauf durch Pirna mag ich trotzdem nicht, auch wenn die Stimmung auf dem Markt sehr schön war und ich namentlich angekündigt wurde. Aber dann kam er, der erste Kilometer mit deutlich über 5 Min – 5:14. Ich überlegte, mich auf eine Zeit von 5:30 und damit am Ende 3:45 h einzupendeln. Doch der nächste Kilometer war bei knapp 6 Min, dort hatte ich die 3:45 h auch schon wieder aufgegeben und es hieß wirklich nur noch finishen. Als ich wieder auf den Elberadweg einbog wurde mir mal kurz Schwarz vor Augen und ich torkelte ganz schön hin und her. Als ich die medizinischen Helfer sah, riss ich mich aber zusammen, nicht das die mich aus dem Rennen nehmen. Der Lauf war schließlich meiner Freundin gewidmet und sie hat einen schweren Weg vor sich, also würde ich das wohl auch hinbekommen. „DNF is not an option“ – trotzdem kreisten auf den nächsten Meter ständig meine Gedanken darum. Aber was würde es bedeuten, wenn ich aussteige? Nee, das geht nicht. Ich war froh, als ich beim Halbmarathon über den angestrebten 1:45 lag. Sie hatte mein Telefon und ich hatte ihr gesagt, wenn ich dort drüber bin, dann wird es wohl schwer werden und es kann dann ganz schnell gehen, dass ich nicht kurz nach 3:30 h ins Ziel komme sondern auch mal eine halbe Stunde später. Gedanken dürfte sie sich machen, wenn ich bei 4:15 h immer noch nicht da bin. Mit dem jetzigen Tempo von ca. 6:00 Min/km würde ich die 4 h noch schaffen und das war eigentlich mein Minimalziel, das hatte ich ja letztes Jahr nicht geschafft. Das dieses Ziel wirklich zum Problem werden würde, hätte ich nicht gedacht. Aber auch damit war es sehr bald vorbei, denn auf einmal ging ich. Es ging einfach nicht anders. Auch das Gel an der nächsten Verpflegungsstation half nix, irgendwie merkte ich zwar etwas Energie, aber mein Körper wollte sich trotzdem nicht wieder ordentlich in Bewegung setzen. Also zwang ich mich nur zum laufen, da es sonst viel zu lange dauern würde, aber fiel auch ständig wieder ins Gehen. Auf einmal war auch einer der beiden 3:30 h-Zeitläufer bei mir, auch er konnte nicht mehr und wollte kurze Zeit später aussteigen, da wo seine Leute stehen. Wenn jetzt mein Bekannter auch an dem evtl. zweiten Fotopunkt wäre, würde ich auch aussteigen können, mit ihm nach Dresden fahren und bevor es meine Freundin ahnen würde und sich Gedanken machen könnte, wäre ich bei ihr. Aber der zweite Fotopunkt war ja vorher aus dem Programm gestrichen. So überlegte ich die ganze Zeit, ob ich einen Passanten frage, ob ich mal sein Handy bekommen könnte, denn auch die 4:15 h waren in Gefahr. Ich ging und lief im Wechsel und viel zu langsam kam Pillnitz und das Blaue Wunder. Mein Puls war inzwischen zwar runtergegangen, aber Kraft kam keine mehr. Als ich das erste Mal gegangen war und wieder loslief spielte mein Herzschlag total verrückt, 180 – 130 – 150 – 180 – 140 – das war gar nicht gut und auch an den Verpflegungsstationen merkte ich, wie heftig das alles noch war, wenn ich mit die Wasserbecher über den Kopf schüttete, zuckte mein Herz heftigst, wie beim Tauchbecken in der Sauna, nur leider spürte ich überhaupt keine Abkühlung. Die 30 Grad Hitze merkte ich aber trotzdem gar nicht so sehr als Hitze. Ich hatte meinen Frieden mit der Situation gemacht, auch wenn es trotzdem kein Spaß wurde, so strebte ich trotzdem dem Ziel entgegen. Immer mit den Gedanken bei meiner Freundin und auch dem Augenblick, wenn ich ihr die Finishermedaille als Glücksbringen weitergeben könnte. Die Stimmung in den Stimmungsnestern war bei mir aber auch fast überall am Boden, kaum eine Band spielte als ich vorbei kam. Wenn dann doch mal eine spielte, war ich froh, als ich wieder weg war und Ruhe um mich hatte. Am Blauen Wunder war dann Günther von der Laufszene da, das tat gut, Uwe wäre auch total fertig gewesen und er gab mir eine Flasche Wasser. Am Verpflegungsstand dann gleich noch wieder zwei Becher über den Kopf und 3 in den Bauch und dann ein paar Meter später war auf einmal Sabine und ihre Familie da. Das tat gut, auch wenn ich meine Freude nicht mehr zeigen konnte, zu sehr hatte mich der Lauf doch schon gezeichnet. Meine Freundin lief ein paar Meter neben mir, trieb mich an und schaffte es, dass ich wieder in den Laufschritt falle. Herrlich. Jetzt war ich auch beruhigt, da sie von der Verzögerung wussten und sahen, auf welchem Niveau ich noch laufen konnte. Von dort an machte ich mir eine Taktik – 2 Minuten Gehen, 3 Minuten Laufen im Wechsel. Das hielt ich dann wunderbar bis zum Ziel durch. Ich freute mich über die vielen Anfeuerungen von Bekannten, auch wenn es keinerlei Auswirkungen mehr auf meine Laufgeschwindigkeit hatte. Die Stadionrunde konnte ich auch nicht so richtig genießen, versuchte es aber zumindest und lief dort wenigstens durch. Bei irgendwas um die 4:24 h wurde mir die Medaille umgehängt und ich war endlich da – ich hatte gefinished, ich habe diesen Lauf absolviert, den Marathon überstanden.

Direkt nach meinen Zieldurchlauf hörte ich den Stadtionsprecher als er Nadin als Erste ihrer Altersklasse bei der Siegerehrung aufrief – Gratulation. Ich trank 2 Becher und ließ mich dann auf den Rasen fallen. Ich hatte keine Kraft mit irgendjemand zu kommunizieren. Es tat mir leid, für meine Freundin und ihre Familie, aber es ging nix. Ich hängte meiner Freundin die Medaille um und dann ließ ich mich fallen. Sie brachten mir meine Nudeln und mein Bier, selbst das zu verzehren strengte mich an. Schuhe aus und irgendwann ein vorsichtiger Blick unter meine Socken – Wrightsocks und Blasenfreiheit – das ist nur ein Gerücht! Der Weg mit meinen demolierten Füssen zur Gepäckausgabe und zur Dusche war hart. Gleich zu Anfang traf ich Nadin und konnte ihr gratulieren. Vor den Gepäckausgabe traf ich wieder Dirk und Tom, wir machten noch ein Foto und ab ging es unter die Dusche. Danach sah die Welt schon wieder besser aus. Ein „nochmal, nochmal, nochmal“ wie letztes Jahr hatte ich aber nicht auf den Lippen. Meine Freundin holte inzwischen die Urkunden für uns ab und das überraschte mich schon. 21 Minuten verschlechtert, aber 2 Plätze verbessert. Ein deutlicher Hinweis, dass es für viele viele Läufer heute mehr als hart war. Aber ich bin glücklich im Ziel und vor allem auch gesund, die vielen Krankenwagen und Behandelten auf den letzten Kilometern machten einem schon Angst.

OEM – 2013 knack ich Dich!

am Blauen Wunder

am Blauen Wunder


Hand in Hand durch hoch und tief

Hand in Hand durch hoch und tief


Weiter geht es

Weiter geht es

Weiter geht es

Weiter geht es

Zieleinlauf

Zieleinlauf

Völlig am Ende

Völlig am Ende

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9 Antworten zu DNF is not an option – Oberelbemarathon

  1. hlange schreibt:

    Oh, ich habe mitgelitten, als ich deinen Bericht gelesen habe. Erstmal ein Riesenkompliment und RESPEKT, dass du nicht ausgestiegen bist. Ich denke, du kannst allein daraus aus diesem Lauf Positives ziehen. Das Ziel hat sich im Wettkampf verschoben, und das anzuerkennen, während man sich auf diesen langen Kilometern quält, erfordert mentale Stärke. Warum es gestern nicht „gelaufen“ ist, wirst du bald analysieren können, aber nicht heute. Und die Kampfansage für 2013 steht ja schon ;). Kopf hoch, Mund abwischen, es geht weiter!

  2. Manu schreibt:

    Du hast es geschafft und bist für Sabine gelaufen! Wünsche Euch alles Gute!!!

  3. Andreas schreibt:

    Glückwunsch, das war eine tolle Leistung (wie du auch an deiner Platzierung sehen kannst). Leider machen viele Läufer (ich schließe mich da nicht aus) immer wieder den selben Fehler bei solchen Temperaturen. Zwischen einem Lauf bei 15 Grad und einem bei 30 Grad liegen Welten! Wer das vorher nicht wahrhaben will oder nicht rechtzeitig herunterschaltet, findet sich eher im Krankenwagen als im Ziel wieder. Schön, dass du gesund durchgekommen bist. Und nächstes Jahr fällt bei niedrigeren Temperaturen garantiert die Bestzeit 😉

  4. Claudi schreibt:

    Ganz herzlichen Glückwunsch zum Finish! Wirklich klasse gemacht! Du bist ein wirklich harter Hund! Respekt.

  5. -timekiller- schreibt:

    Hallo Ralf,
    erstmal Glueckwunsch zum finish! Ein Marathon ist halt kein Spaziergang, auch wenn es der dritte(?) ist. Auch wenn ich mir jetzt keine freunde mache, muss ich sagen dass ich fuer Deine Aktion ueberhaupt kein Verstaendnis habe. Wenn Dir Dein Koerper schon den Gefallen macht dir eindeutige Signale (Puls) zu senden, und du dich augenscheinlich quaelst, weshalb steigst du dann nicht aus ? Ich will mal hoffen, dass du hier in der nachbetrachtung etwas dratatisierst (tue ich ja auch gerne). Es hat keiner was davon wenn du bei dem lauf einen Herzschlag erlitten haettest, deine freundin am aller wenigsten, fuer die du offenbar gelaufen bist. Da hat es schon ganz andere erwischt. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn wir mal einen Lauf vergeigen. Wahre groesse ist seine Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.
    Gruesse Stimekiller-

  6. Ralf schreibt:

    Vielen Dank für die Gratulationen.
    @timekiller: Ich kann Deine Einstellung verstehen und auch im Facebook wurde mein Durchlaufen teilweise kritisiert. Ich sehe das auch selbst ein und bin da nicht wirklich die Vorbildwirkung, aber es ist nicht so, dass ich einfach weitergemacht habe, sondern ich habe auf die Situation reagiert, mein Ziel runtergeschraubt und mich erstmal um meine Gesundheit gekümmert. Ein solches Erlebnis meines Herzens ist auch nicht ganz neu und ich kann damit umgehen und das ganze ist auch unter Kontrolle. Nach einer Weile war es auch wieder gut und gleichmäßig und man kann an meinen Datenaufzeichnungen auch schön meine Geh- und Laufphasen am Ende sehen:
    Datenaufzeichnung

  7. David Ruthe schreibt:

    Da gibt es aus meiner Sicht nicht zuviel zu analysieren! Ich bin ein paar Minuten nach dir rein – bin aber im Gegensatz zu dir gleich im Tempo der letzten Kilometer losgelaufen weil mir klar war, dass das nicht gehen kann…ich nehme an, dass nahezu niemand, der eigentlich eine 3:30 drauf hat unter 4 Stunden geblieben ist…wenn man sich die Ergebnisse anschaut sieht man, dass fast alle im Endbereich um 4:30 die 1. Hälfte deutlich unter 2 Stunden gelaufen sind – das sagt alles!

  8. Din schreibt:

    Glückwunsch, Ralf. Unglaublich, dass du das durchgezogen hast! Mein Respekt, ich habe beim Lesen weiter gelitten. Was für ein Tag, aber der macht stark für das nächste Mal 🙂
    Hätte ich jetzt nicht diesen Freistart bei München, wäre ich echt geplättet und würde sicher erst einmal für eine lange Zeit nicht mehr starten… Dafür habe ich zu viele schöne kleine und vor allem kürzere Events vor Augen, aber wo liegt da der Reiz? Also volle Pulle weiter 🙂

  9. Pingback: Flexibel bleiben und Jahresrückschau 2012 | loslaufen

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