Grenzerfahrung

Einmal jammern bitte. Wer das nicht lesen will, sollte lieber gleich wieder aufhören zu lesen!

Ostern steht vor der Tür und ich hatte heute noch einen Kundentermin in Annaberg-Buchholz. Meine Kollegin, die auch mit musste, wollte selbst fahren, weil sie danach noch woanders hin wollte. Da kam ich auf die Idee Ostern mit einer schönen Radausfahrt zu starten. Ich fahre bei ihr mit, packe mein Rad ein und fahre die knapp 100 km nach Hause. Gesagt getan.
Das ich mich gestern abend noch geärgert habe, dass bei meinem neu gekauften Trittfrequenz-Sensor wohl schon die Batterie runter ist und er nicht funktioniert, erwähne ich nur mal kurz.

Also heute früh los – das Rad passte tatsächlich in den kleinen Seat Arosa. Auf trübes Wetter hatte ich mich schon innerlich eingerichtet, aber die trübe Suppe am morgen machte einen schon noch etwas depri, aber egal. Termin lief wunderbar. Umziehen, Freundin noch kurz Bescheid geben und Abfahrt.

Die ersten Kilometer ging es bergab und alles war gut. Beim ersten Berg bergauf auch, wieder bergab, wieder bergauf. Ich hätte gern mal ein Stück bei dem ich einfach so dahinfahren kann. Aber nix da, berghoch bestimmt die Trittfrequenz meine Kraft im kleinsten Gang, bergrunter ist sie bei null und ich muss leider eher an den Bremsen ziehen, da die Kurven doch teilweise heftig sind. Immer weiter bergauf, bergab, bergauf, bergab. Nach noch nicht mal einer Stunde fängt mein Schritt an zu schmerzen. Auch die neuen Radhosen machen es irgendwie nicht besser. Gut ist es mit dem Tria-Einteiler, aber der ist für heute eindeutig zu kalt. Es herrschen Temperaturen von ca. 3 Grad Celsius. Die Berge nerven, meine Durchschnittsgeschwindigkeit kennt nur einen Weg – abwärts. Ich träumte von 28 km/h, dachte 25 km/h werden es schon werden, aber es wurden am Ende gerade mal 22 km/h. Bergauf, bergab. Freiberg würde bei ca. 60 km kommen. Okay, eins war gut – die Navigation machte überhaupt keine Probleme, alles prima zu finden. Ich überlegte zwischenzeitlich evtl. doch totales Weichei zu sein und in den Zug zu steigen, aber das war nur kurz. Was so richtig zermürbend war, dass die Strecke nur aus Bergauf- und Bergabstrecken bestand. Nicht mal 1, 2 oder auch 3 km in der Höhe oder im Tal, ne Delle oder Kuppe und Wechsel. Dabei hatte man immer gut zu tun und so kam ich auch nicht zum trinken und essen. Ich werde wohl eine Aeroflasche brauchen, wo ich dann nur am Strohhalm ziehen muss. Endlich kam auch mal eine Abfahrt, die ziemlich gerade ging, auch etwas länger war, gute Straße hatte und ich schön in der Aero-Position Speed aufnehmen konnte. Leider hörte der Wald, der mich ab und an begleitete nun auch auf und so war man voll im Wind – natürlich Gegenwind. Der Wind kühlte vor allem meine Finger und Füsse aus. An den Füssen war es aber gar nicht schlimm. Mit den neuen Schuhen und dem anderen Klicksystem habe ich ein Problem los – meine Füsse schlafen nicht mehr ein. Bis Freiberg ist es noch ein Stück, da ist an einem Berg mal kurz Schluss, es gibt einen Radweg, der über eine Brücke führt und dort halte ich an und mache 2 bis 3 Minuten Pause, Essen (die Riegel sind fast gefroren) und Trinken. Das tut gut. Frisch gestärkt sind auch wieder mehr Kräfte da und auch mental tat das gut bzw. jetzt wieder etwas Kraft zu spüren. In Brand-Erbisdorf (kurz vor Freiberg) kommt mir der Weg endlich bekannt vor – das macht es irgendwie einfacher. Auch steht nicht mehr an jedem Berg ein Warnschild von starker Steigung oder starkem Gefälle, sondern die Berge kann man nun etwas gleichmäßiger hochtreten. Leider muss ich nun auch teilweise runter kräftig treten, da der Wind auch noch aufgefrischt hat. Die starken Steigungen haben aber auch eine Erkenntnis gebracht, der kleinste Gang reicht, ich komme damit auch 13 Prozent hoch und für die Roth-Strecke besteht gar keine Gefahr. Endlich kann man auch mal eine Weile treten, aber mein Nacken schmerzt und trotzdem bleibe ich in der Aero-Position, denn aufrichten kommt einem Bremsfallschirm gleich. Nach Freiberg habe ich nochmal irgendwo 5 Minuten Pause gemacht. Und so langsam ist ein Ende zu sehen 27, 24, 20, 17, 13 km steht auf den Schildern. Doch dann bei noch 10 km bin ich an einer Kreuzung, nach links geht es irgendwohin, wo ich nicht hinwill, nach rechts ebenfalls und nach Dresden geht es geradeaus, aber das steht ein Schild für Fahrräder verboten. Es gibt aber kein Radweg daneben oder sonstwas – ich darf einfach nicht nach Dresden. Da die Straße zwar zweispurig ist, aber trotzdem auf 70 begrenzt, fahre ich einfach weiter. Tut mir leid, liebe Autofahrer, aber ich weiß echt nicht, was ich machen soll. Wenn ich dort zum treten komme bin ich aber noch zwischen 28 und 34 km/h – das gibt mir auch irgendwie Hoffnung, obwohl auf meiner Uhr schon eine Durchschnittsgeschwindigkeit von nur noch 22 km/h steht. Auf der Straße passiert auch nix und bald ist der Stadtrand von Dresden erreicht, jetzt noch Richtung Zentrum, zig Ampeln mitnehmen, einen kleinen Schlenker über den Elberadweg und dann endlich absteigen. Aus angedachten 3,5 h wurden 4,5 h, aber das ist mir jetzt auch egal – Badewanne, Trinken, etwas essen, halbe Stunde im Bett ruhen und schon sieht die Welt besser aus.

Die Fahrt werde ich so schnell nicht vergessen. Die Kälte war grenzwertig, der Wind nervte, aber mental zermürbte vor allem dieses permanente auf und ab. Aber genau diese Erlebnisse werden mich stark machen, wenn es mal wieder nicht gut läuft. Und so bleibt kein fröhlicher Jubeleinstieg in die Ostertage, aber doch insgesamt ein guter.

Ach und übrigens – vom „Recall“ gab es einen Zeitungsbericht, gestern noch ein „Sichtungstraining“ und nächste Woche soll wohl die Entscheidung fallen.

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3 Antworten zu Grenzerfahrung

  1. Claudi schreibt:

    Respekt, dass Du nicht den Zug genommen hast. Der Schnitt ist doch super! Es gibt übrigens isolierte Radflaschen die das Getränk mehrere Stunden auf Temperatur und fern vom Eis werden halten…
    Viele Grüße!

    • Ralf schreibt:

      Du bist schon die Dritte, die mir sagt, dass der Schnitt doch gar nicht schlecht ist. Danke, aber für den Ironman würde das einen Radsplit von über 8 STunden ergeben.
      So eine Iso-Flasche besitze ich sogar – da passt aber weniger rein. Problem war eher, dass man die ganze Zeit die Hände am Lenker haben musste und die Flasche nicht aus der Halterung fummeln konnte. Bei den Flaschen im Lenker braucht man sich ja nur nach vorn zu beugen und fertig.

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