Durchgerasselt oder Einblicke von der anderen Seite

Jetzt, 21:50 Uhr ist es vorbei – mein Helferwochenende und ich kann jetzt Wochenende machen 🙂 Okay, ich gebe zu, ich habe auch schon 20 Minuten Badewanne hinter mir, aber von vorn.

Samstagfrüh um 5 Uhr klingelt mein Wecker. So zeitig stehe ich sonst nie am Wochenende auf und in der Woche auch maximal wenn eine Messe oder ähnliches auf Arbeit ansteht. Diesmal gebe ich mir das aber freiwillig, denn ich will mal die andere Seite einer Sportveranstaltung kennenlernen, etwas zurückgeben und habe mich als Helfer für den Schloss-Triathlon in Moritzburg angemeldet. Okay, ich gebe zu, ich will auch etwas Atmosphäre schnuppern, denn ich spiele schon eine Weile mit dem Gedanken auch mal einen Triathlon auszuprobieren.
Im Vorfeld gab es zwei freundliche Anrufe, für was ich eingeteilt wäre und wann ich wo sein sollte und wie lange ich ca. dableiben sollte. Am Samstag 6:15 Uhr an der Helferanmeldung – Streckenposten Radstrecke und dort würde ich dann alles erfahren. Ob ich nach Moritzburg mit dem Rad oder Auto fahre hatte ich eine ganze Weile überlegt. Samstag wählte ich das Auto, da das Wetter unbeständig sein sollte, ich Wechselsachen und Regenjacke dabei haben wollte, Stuhl auf dem Rad nervig wäre,…
Pünktlich 6:15 Uhr war ich an der Anmeldung und dort hieß es erstmal warten, denn es waren noch einige vor mir und Registrierung und Ausgabe von Shirt, Essen und Trinken dauerte auch. Nach meiner Anmeldung ging es zum Treffpunkt der Streckenposten Radstrecke und dort hieß es dann erstmal warten. Dann kam es zur Einteilung der Posten – ziemlich zeitgleich erfolgte übrigens der Startschuss für das Rennen der Langdistanz (3,8 km Schwimmen, 180 km Rad und Marathon). Das erste Paar fand sich schnell, beim zweiten war auch gleich jemand, aber da meldeten sich zwei junge zierliche Mädchen (überhaupt Helfer sind hauptsächlich weiblich und ziemlich jung) und die sollten dann den Posten doch lieber nicht übernehmen, sondern lieber Männer – ich stand dann schnell mit jemand anderem bereit. Der Posten würde nämlich schwierig, da man dort wohl öfter mit erhitzten Autofahrern zu tun hat. Naja, zur Abwechslung hieß es jetzt erstmal wieder warten, bis die anderen eingeteilt und eingewiesen waren. Irgendwann bekamen wir noch Warnweste und Rassel und dann ging es auf die Strecke.

Skizze Kreuzung

Skizze Kreuzung

In einem etwas vollgestopften Transporter kamen wir dann an unserem Posten an, packten unseren Hinweisschilder aus und dann hieß es warten. Warten bis die Straßenwacht kommt und offiziell die Umleitung/Sperrung in Betrieb nimmt. Die Barken standen schon bereit. Ich war nämlich an einer Kreuzung, die schräg gesperrt wurde – zur Verdeutlichung (ehe ich mich hier kaputt erkläre) die Skizze. Nachdem die Sperrung eingerichtet war, hieß es – ihr könnt es Euch wohl jetzt schon fast denken – warten. (Übrigens, der Mann von der Straßensperrung bedauerte uns schon – der Posten sei wohl schwierig.) Warten auf den Spitzenreiter. Dieses Warten wurde aber ziemlich zügig unterbrochen, nämlich von der ersten Autofahrerin, die auf die Sperrung traf. Und da gab es die volle Ladung. Sie hielt an und wollte natürlich rechts rein, sie müsse zur Arbeit und warum das denn sein müsse und sie könne jetzt nicht so weit rum fahren und und und. Die Minuten vergingen, sie versuchte in der Firma anzurufen, dass sie zu spät kommen würde, da ging wohl keiner ran. Zwischendurch wurden wir dann wieder angepöpelt, sie fragte uns zum xten Male, wie sie jetzt denn da hinkäme – wir konnten leider keine genaue Wegbeschreibung geben. Jetzt ging es los, mit einer allgemeinen Hasstriade gegen die Sportler und was das für Idioten seien, die nix besseres zu tun hätten und und und. Noch ein paarmal Fluchen und was sie jetzt machen sollte und dann nach ca. 10 Minuten – gefühlten 2 Stunden – entschloss sie sich doch weiterzufahren auf der Umleitung. Willkommen in der Helferwelt. Der nächste Autofahrer, die übernächste – aber noch kein Sportler. Die Hauptstrecke ist der Weg von mir zu meinen Eltern, aber wo die Autofahrer alle hinwollten – von den Dörfern hatte ich noch nie was gehört und ich hatte keine Ahnung, wo die genau liegen und wie man dahinkommt. Ziemlich schnell reicht es mir, ich packe Handy und Tablet aus und obwohl der Datenempfang in der Provinz zeitweilig sogar ganz zusammenbricht, habe ich irgendwann die Website vom Triathlon auf, das Bild von der Radstrecke, weiß jetzt wo die Dörfer liegen und wie die Leute ungefähr fahren können. Das rettet mir den Tag. Also liebes Orga-Team – alles wunderbar, aber bitte lasst diese Posten niemals mehr ohne Karte an die Strecke – sie müssen sonst schrecklichst leiden.
Als Autofahrer kann ich die Autofahrer sogar verstehen, statt einer Direktverbindung zur A13 und Radeburg, die ca. 7 km weit ist, müssen die einen Weg von ca. 30 km fahren. Ich wäre da auch ein bisschen stinkig.

Ausgerasselt

Ausgerasselt

Irgendwann hat das Warten dann ein Ende und der Erste kommt. Irgendwie ist es komisch, ich nehme den Ersten noch gar nicht so ernst. Ich muss mich irgendwie umstellen. Ich beobachte. Auch beim Zweiten – der mit heftigem Abstand (Minuten!) folgt. Beim Dritten dann – das Warten wurde von ein paar Autofahrern unterbrochen – dann ein erstes vorsichtiges Rasseln. Es ist ungewohnt jemand anzufeuern – den man dazu gar nicht kennt – und man steht da auch mutterseelenallein bzw. zu zweit und soll/will noch etwas Stimmung machen. Die Rassel macht es mir einfacher als Klatschen. Wenn ich bei Konzerten bin und nach Zugabe verlange und dann auch ab und an alleine klatsche ist das so deprimierend und so kommen mir auch einzelne Klatschetöne jetzt vor, deshalb lieber Rassel. Die Abstände sind groß – die Sportler müssen 6 Runden a. ca. 30 km (als Helfer informiert man sich irgendwie gar nicht über die Strecke) fahren – und man feuert jeden Einzelnen an. Es ist schwierig. Mindestens bei Einem habe ich das Gefühl, dass es ihn eher nervt als gefällt. Ich merke nicht, wann der Erste das zweite Mal vorbei kommt. Ich spule mein Programm ab, Anfeuern, Autofahrer besänftigen – geht jetzt deutlich einfacher, seit ich so eine halbe Ortskenntnis mit der Karte habe – Anfeuern. Zwischendurch noch etwas Wetter beobachten. Es ist bedeckt und so manche schwarze Wolke zieht auf. Bis auf ein paar Tropen passiert aber nix. Irgendwann wird dann die Strecke voller, es gesellen sich die Halbdistanz-Leute dazu. Es ist Mittag, der Autoverkehr ruhiger, außerdem sehen die die volle Strecke. Mal ein bisschen Entspannung und Anfeuern macht jetzt richtig Spaß. Von Runde zu Runde baut man zu dem einen oder anderen Sportler auch so eine Mini-Beziehung auf. Eigentlich aber kurzzeitig fast zu jedem. Es gibt da die Leute, die einfach nur stoilsch vorbeifahren, die, die kurz grüßen – eh und das tut als Helfer soooooo gut! – und die, die Dich richtig toll finden. Irgendwann wirft mir jemand zu „Ihr seid die besten.“ – keine Ahnung, ob er auch das schon dem Posten vorher gesagt hat, aber wäre auch egal, für einen selbst tut es gut. Also weiterrasseln. Dann kommt irgendwann die Zeit, wo man die Leute zum vorletzten oder letzten Mal sieht. Ihre Gesichter werden gezeichneter, aber unsere Hilfe wohl um so wichtiger und man bekommt viele liebe Kommentare zurück. Bin ich froh, dass ich das selbst in Rennen auch oft mache – das ist so wunderbar und wenn ich auf der Strecke unterwegs bin wird es wohl jetzt den einen oder anderen Daumen oder Spruch mehr geben. Da tun mir nur die Leute an der Verpflegungsstelle leid, denn da habe ich gerade nur mit mir zu tun und kann nicht noch Lob spenden. Aber auch das werde ich versuchen.
Irgendwann wird es wieder ruhiger. Die Teilnehmer wechseln zum Marathon, wenn ich nur an meinen denke und die schon übelste Belastungen und meist mehr als 6 Stunden Wettkampf hinter sich haben und nun erst auf die Strecke gehen, dann kann ich gar nicht tief genug meinen Hut ziehen.
Einer von wohl zwei Ausfällen auf der Radstrecke findet direkt bei uns statt. Die Teilnehmer müssen ja eine Rechtskurve fahren – von heftigen Kanten-/Gegenwind in fast Rückenwind. Ein Teilnehmer will sich kurz entspannen, nimmt die Hände vom Lenker und dann kommt eine Böe – Sturz, geplatzter Reifen und vor allem gebrochene Gabel – der Sturz sah gar nicht so heftig aus, dass da gleich das Karbon kaputt geht – heftig. Wir geben ihm eine Jacke, regeln das Organisatorische und weiter geht es. Er muss noch über eine halbe Stunde warten, bis er weg kommt und bei den Gesprächen stellt sich eindeutig raus – Freak, aber doch auch so menschlich. Oliver – lieben Gruß – es wäre seine erste Volldistanz geworden und jemand nah bei sich zu haben, der wahrscheinlich nur denkt: Scheiße, Scheiße, Scheiße – ist schwierig. Irgendwann kommt die Letzte und dann heißt es Warten auf das Abholen – wir werden doch hoffentlich abgeholt? Der Autofahrer mitten in der Radstrecke, der Durchbruch, dem ich mich erst noch in den Weg gestellt habe und die vielen Beleidigungen sind vergessen, aber ich würde jetzt wirklich gern abgeholt werden. Irgendwann kommt der Transporter, wir sammeln noch ein paar Leute auf, fahren die Strecke ab und dann Feierabend.

Auschecken, Pasta, ich gönne mir noch ein Bier und schaue eine Weile bei der Zieleinkunft vorbei. Die Emotionen sind heftig, ich ziehe mich lieber zurück. Das sind doch sehr intime Momente, bei denen man kein Publikum braucht, oder doch? Ich hätte es bei meiner Marathon-Ankunft zumindest nicht als störend betrachtet, sondern hätte eigentlich jeden umarmen können. Evtl. sollte da das Publikum mehr Mut haben. Nach nicht zu langer Zeit – Abmarsch, Heimfahrt.

Sonntag. Check-In zum Glück erst 9:30 Uhr. Ich dann diesmal mit dem Rad, ohne Regenjacke, ohne Wechselklamotten, Wetteraussichten sahen eigentlich besser aus. Durch eine Absage, war ich diesmal als Streckenposten auf der Laufstrecke mitten im Wald allein. Also fast, es gab da noch 1000 Mücken und ich hatte natürlich kein Mückenspray dabei. Traumhaft. Gestern hatte ich mir trotz bedecktem Wetters auch einen Sonnenbrand zugezogen. Das Warten war heute gar nicht so lange, ich als Organisator hätte die Leute wohl deutlich früher positioniert – auch bei der olympischen Strecke fuhren wir erst deutlich nach dem Start los. Aber es war auch entspannt, wir mussten trotzdem noch ganz schön warten, bis der Erste kam.
Heute war irgendwie anders. Bei der olympischen Distanz würden wir die Sportler zweimal sehen, am Nachmittag bei dem Jedermann sogar nur einmal – da passiert nix. Oder doch? Wenigstens würden heute ein paar Bekannte mitlaufen, so dass ich da eine Beziehung aufbauen kann.
Nach dem olympischen Durchgang gab es Mittagspause und zum Glück gingen in dieser Zeit die zwei heftigen Schauer runter, so dass ich mich unter ein Zelt verkriechen konnte, der Regen früh – kurz nach Absetzen am Punkt – hatte mir eigentlich gereicht. In der Hälfte der olympischen Distanz bekam ich dann übrigens doch noch einen zweiten Kollegen an meine Position und es wurde nicht ganz so einsam. Die Mücken teilten sich aber nicht auf, sondern hatten für jeden genug 😦

Jedermann. Alles bestens. Anfeuerung war prima und ich hatte auch ein paar bekannte Gesichter für extra Worte. Im Gegensatz zum Samstag war es eigentlich 2 Stunden Dauerrasseln, denn der Verkehr war schon sehr dicht. Irgendwann wurde es aber lichter, die Letzten quälten sich über die Strecke – obwohl, die Letzte sah eigentlich ziemich fit aus und würde die Vorletzte und den Letzten wohl noch holen – schließlich waren von meinem Punkt noch 2 km bis zum Ziel.
Der Abholbus ließ zum Glück nicht lange auf sich warten. Fertig. Ach nein – dritte Schicht: Abbau. Dies und das und jenes und irgendwan fing es kontinuierlich an zu regnen. Bäh. Es zog sich. Irgendwann habe ich ausgecheckt und wollte nur noch den Bus mit beladen – Beim Auschecken gab es übrigens eine kleine positive Überraschung – die Streckenposten bekamen doch ein Mini-Schmerzensgeld. Aber wegen dem Geld sollte man das – zumindest in meinem Alter – nicht machen – 2 EUR Stundenlohn ist echt heftig. Blöd war nur, dass es sich jetzt einregnete und es nur noch Looser-Jobs gab. Aber 1,5 h nach meinem Auschecken trat ich dann auch meine Heimreise an – 12 km auf dem Rad durch den Regen ohne passende Bekleidung…. – war ich froh, als ich meine Badewanne hatte.

Fazit: Mal Kontakt zu Leuten zu bekommen fand nur beim Abbau statt. ABER – ich fand es auch spannend und schön und aus vielen „Daumen hoch“ zieht man auch ganz viel Energie! Moritzburg 2012 – Samstag nochmal gern Helfer bei den „Rundenfreaks“ und Sonntag dann selbst dabei. 🙂

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7 Antworten zu Durchgerasselt oder Einblicke von der anderen Seite

  1. Claudi schreibt:

    Ich helfe ja jährlich beim Ironman in Frankfurt und bin immer ganz begeistert Teil des Ganzen zu sein! Kann Deine Helferempfindungen also gut nachvollziehen!

  2. Max B. schreibt:

    Ich weiß an welcher Kreuzung du gestanden hast!!
    Danke dafür.
    Max
    Nr. 42 auf der Langdistanz.

  3. André schreibt:

    Hallo Ralf,

    toller Bericht und ich finde es klasse das du dir das mal gegeben hast! Auch uns hat es gefreut dich zu treffen und an deiner „Rassel“ vorbei zu laufen. Ich stand auch an einem einsamen Abschnitt beim Leipziger Nachtlauf und habe quasi allein nur für die Läufer geklatscht. Ich denke das kommt immer gut, kennt man ja von sich selbst 🙂 ! Dir viel Spaß bei deinem ersten Tria und wird dir sicher Spaß machen! Mir/uns hats auf jeden Fall und ist mal einen gute Abwechslung zum Laufalltag.

    Sport frei und wir sehen uns,
    André

  4. Christian schreibt:

    Toller Bericht! Prima geschrieben!

    Vielen Dank auch von mir -> Danke an alle Helfer!

    Grüße
    Christian

  5. Volker Hädicke schreibt:

    Danke Dir für Deinen Einsatz. Es ist toll was die Helfer leisten. Bei Dir konnte man mal hinter die Kulissen der anderen Seite sehen.
    Volker (Nr. 31 Langdistanz)

  6. Ralf schreibt:

    @Claudi: Ja, man fühlt sich wirklich als Teil des Ganzen, aber es reizt einen auch so sehr mitzumachen. Als Regen einsetzte an der Laufstrecke, wäre ich echt gern lieber Sportler als Helfer gewesen und ich hatte eigentlich auch richtig Lust die Letzten ein paar Kilometer bis ins Ziel zu begleiten.

    @Max: So ganz zuordnen kann ich Dich noch nicht, irgendwo hatte ich Max gelesen aber später. Auf die Startnummern habe ich leider viel zu spät geachtet. Aber schön, wenn ich einen Eindruck hinterlassen habe 🙂

    @André: Ja, es sah so aus als ob ihr viel Spaß hattet! Und ich glaube, dass werde ich hin und wieder mal machen und ich finde es gut, dass ich jetzt beide Seiten kenne.

    @Christian + Volker: Bitte gern geschehen.

  7. Pingback: Moritzburg Duathlon – Helfen, Starten, Helfen | loslaufen

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