Nochmal, nochmal, nochmal!

Kurz nach km 25

Kurz nach km 25 (Dank an Thomas Poeschmann)

Ich glaube, jetzt hat es mich endgültig erwischt. Meine Füsse brennen, meine Oberschenkel trotz Massage ebenfalls, ich habe es nach dem Ziel kaum zur Gepäckausgabe geschafft, ich habe mein Ziel verfehlt, einen Sonnenbrand habe ich evtl. auch, aber trotzdem bin ich einfach nur happy und schreie „Nochmal“.

Aber von Anfang an. Gestern habe ich mir noch meine Startnummer abgeholt, bin ein bisschen über die Messe geschlendert und habe mir noch das 4. Gel gekauft (3 hatte ich noch) und habe dort noch den Vorträgen gelauscht. Das war echt gut. Vom Rückwärtsläufer Thomas Dold – er hat sein Weltrekord geschafft, vom Reiseveranstalter Schulz Aktiv Reisen über die Marathons bei Kälte in Russland und Co und schließlich auch von Andreas Butz zum Wettkampf. Da fühlte ich mich mit meinem Mittagessen Kartoffeln und Quark bestätigt, so dass es am Abend gleich nochmal dasselbe gab und dann konnte ich beim Krimi sogar ziemlich gut abschalten. Als ich im Bett lag, hatte sich das aber wieder erledigt und so habe ich die Nacht nicht wirklich viel geschlafen.

Am Morgen fühlte ich mich dennoch fit, hab mein Müsli gegessen, einen kleinen Kaffee und mich dann schon auf zum Zug gemacht. Auf dem Weg dahin traf ich noch jemand aus dem Haus und wir haben uns gut unterhalten. Er ist aber den HM angegangen. Am Bahnhof traf ich dann Ben – einer aus meiner bestellten Fotografenmannschaft 🙂 Ich war froh, dass ich schon vor dem Hauptbahnhof eingestiegen bin und so noch einen Sitzplatz für die Stunde Bahnfahrt hatte. Irgendwie hatte ich dabei gar kein Gefühl, sondern habe mehr funktioniert. Am Ziel der Bahnfahrt, also am Start, angekommen hab ich mich dann erstmal schnell an die Toiletten angestellt. Das hat sich ziemlich gezogen und so langsam verflossen die Minuten und ich habe mich dann in der Schlange umgezogen, Technik angelegt,… Nach dem WC-Besuch gab es dann ein Mini-Einlaufen von ca. 300 m, die Einnahme des ersten Gels mit nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel Flüssigkeit und dann noch schnell die Klamottentüte abgeben. Und dann ging es auch schon gleich los.

Die Sache mit den Zugläufern fand ich wunderbar. Man wusste, wo man sich einzureihen hat und konnte sich gut orientieren. Ich wählte die Zone zwischen 3:45 und 4.00 – ich wollte mit 5:30 Min/km laufen. Gleich von Anfang an lief es gut. Nach 2 km sah ich meine Fotomannschaft, konnte mich gut einsortieren und habe jetzt im Nachhinein ein sehr schönes Foto. Die nächsten Kilometer liefen einfach so dahin. Mein Tempo passte und ich fühlte mich einfach gut. Es machte richtig viel Spaß da zu laufen. Zwischendurch war ich mal kurz genervt, denn der 4:00-Läufer war meines Erachtens zu schnell – eigentlich hätte ich schon 40-50 Sekunden vor ihm sein sollen, aber seine Gruppe wollte mich gerade fast überholen. Da hab ich mal kurz Tempo gemacht und mir den Freiraum davor wieder geschnappt. Bei ca. km 13 und passenderweise beim Song „Die Jagd beginnt“ musste ich das erste Mal wirklich auf das Tempo achten und ein bisschen anziehen. Mein Puls war leider schon etwas zu hoch, aber noch okay. Alles noch unter der Schwelle bzw. nah bei ihr. Ab km 15 bin ich eine Weile mit jemanden zusammen gelaufen. Das hat zwar Spaß gemacht, aber war evtl. ein Fehler, denn er läuft eigentlich einen Tick schneller und so habe ich zu der Zeit meinen Puls nicht mehr runtergebracht, sondern fand den etwas erhöhten Wert okay. Kurz vor der Pirnaer Altstadt habe ich ihn ziehen lassen – ich habe ihn aber noch richtig lange gesehen. Die Wege durch Pirna waren nicht so schlimm wie ich dachte – ich vermutete das Höhenprofil heftiger. So langsam wurde es aber richtig warm, um nicht zu sagen heiß. Die Playlist passte wunderbar und ich war schon lange gut in meinem 5’30″iger Tempo minus 1 Minute, soll heißen, ich bin ziemlich konstant die Kilometer gelaufen, hatte auf die Durchgangszeiten aber eine Minute Vorsprung. Das fand ich ideal, so schön als Puffer, wenn man einen Kilometer mal nicht so geregelt bekommt. Zum Halbmarathon war noch alles bestens von der Zeit, nur mein Puls war mir nun öfter zu hoch. Mit dem Puls bin ich in Berlin die zweite Hälfte des HM gelaufen, nun würde mir noch ein kompletter Halbmarathon bevorstehen, nachdem ich schon einen absolviert habe. Achso, Pirna war vorbei, in der Stadt hätte evtl. noch ein Fotograf stehen sollen, aber ich habe keinen gesehen und ich habe die abgesprochene Stelle aber auch gar nicht wahrgenommen. Naja, egal. Weiter. So langsam wird es anstrengend bzw. merke ich die Belastung, die Schatten werden weniger, die Temperatur steigt, aber es macht Spaß. Das ändert sich auf den nächsten Kilometern dramatisch. Ich hatte mittlerweile auf die 5’30“ 1,5 Minuten Vorsprung, aber die gehen jetzt ganz schnell dahin. Bei km 25 sehe ich nochmal sehr überraschend einen Fotofreund und das sind wohl die letzten Bilder auf denen ich noch Freude im Gesicht habe und das gut finde und auch noch Lust und Kraft habe mich beim Publikum für die Anfeuerung zu bedanken. Bei km 30 bin ich gerade noch so im 5’30″iger Schnitt, aber ich mag schon nicht mehr so richtig. Ich will, dass Schloss Pillnitz und dann bald auch das Blaue Wunder kommt, doch es dauert. Ich verabschiede mich von meiner Zeitenliste, jetzt geht es nur noch ums Ankommen. Ich habe viele Kilometer weg und bin im 5’30″iger Schnitt, sprich ich habe für die 4 h-Marke ziemlich viel Puffer. Ich kann es langsamer angehen. Mache ich auch – halb bewusst, halb gezwungenermaßen. Ab und an sehe ich jetzt schon Werte über 6′ auf der Uhr, aber ich habe ja noch Luft. Bei km 33 würde ich gern gehen, aber das verbiete ich mir, denn wen ich jetzt gehe, dann komme ich wohl nicht an. Ich lasse mir immer mehr Zeit an den Verpflegungsständen – die Sache mit den Gels klappt übrigens optimal – eins vor dem Start, dann bei km 9, bei km 19 und dann noch mal bei ca. km 28. Bei km 35 endlich das Blaue Wunder, Verpflegung und Anfeuerungsrufe von Günther – dem Coach aus dem Lauftreff – das tut gut. Mittlerweile laufe ich aber schon kilometerweit in einem viel zu hohen Pulsbereich. Die Strecke bis zum Fährgarten Johannstadt zieht sich. Irgendwo zwischen km 37 und 38 verfalle ich vom Laufschritt ins Gehen. Bitter, sehr bitter. Die Hitze ist heftig, die Musik kann mich auch nicht mehr motivieren und meine Oberschenkel brennen einfach nur. Gestern beim Vortrag von Andreas Butz kam sowas zum Glück nochmal zur Sprache und so laufe ich nicht mehr bis es nicht mehr geht, sondern will jetzt bewusst bei jedem Kilometerschild eine Gehpause einlegen. Zwischendrin kommen noch Verpflegungen, da mache ich das auch. Die Gehpausen werden auch länger als erst geplant, aber ich kann immer wieder loslaufen. Mein Puls sinkt auch deutlich, aber das hilft meinem Körper gerade gar nicht. Ich bin einfach nur fertig. Richtig aufbauend ist Kilometerschild 40. Das zu schaffen und nur noch 2 km bis zum Ziel zu haben, tut gut. Irgendwo dort verabschiede ich mich auch spätestens von den 4 h. Den 4 h-Zugläufer sehe ich mich aber nicht überholen. Als ich mal wieder gehe, treibt mich jemand vorwärts, den ich vorher auch oft gehend gesehen habe. Das Stadion kommt näher. Vor dem Stadion Trommeln, auf einmal Energie pur, ich laufe, bin sogar richtig schnell, geniese das Stadion, aber die Energie hält nur die halbe Runde, der Rest geht aber trotzdem noch ziemlich gut. Ich geniese es in dem Stadion zu laufen, auf einer echten Bahn, unter vielen Menschen und das Ziel in Sichtweite. Kurz vor dem Ziel sehe ich meine Mutter und freue mich, reiße die Arme hoch und habe einfach schöne letzte Meter. Irgendwo bei 4:04 h laufe ich ins Ziel.

Ich lasse mir meine Medaille umhängen, finde es richtig schön, dass mir auch so richtig gratuliert wird. Empfange die Gratulation von meinem Fotofreund. Eine sehr liebe Freundin ist auch noch da und ich umarme sie. Mein Vater, meine Mutter. Aber sorry Leute, ich muss erstmal verschnaufen. Ich brauche Getränke. Ich kann mich gerade nicht um Euch kümmern. Es tut mir irgendwie leid, dass ich für keinen Zeit und Nerv habe und sie ja auch nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Ich bin froh, als mir meine Mutter ein Handtuch reicht. Lieb von ihr gedacht, aber auch wenn ich völlig durchnässt bin, ein Baumwoll-T-Shirt möchte ich jetzt nicht wirklich anziehen.

Als ich etwas verschnauft habe, will ich mein Gepäck abholen, damit ich mich umziehen kann, meine Telefone habe, meinen Gutschein für Bier und Pasta und Geld, damit ich mir mein Erinnerungs-T-Shirt kaufen kann. Die nun folgenden 200 – 300 m sind wohl so ziemlich die heftigsten der ganzen Vorbereitung und des Rennens. Mir tut alles weh, meine Wade verkrampft fast, meine Fusssohlen brennen und die Meter ziehen sich. Ich überlege kurzzeitig mich auf meinen Fotofreund zu stützen, aber hänge nur zweimal kurz im Zaun. Endlich mein Gepäck und weil dort auch die Dusche ist und ich diesen Weg nicht nochmal hin und zurück bewältigen möchte, dusche ich auch gleich. Dort erzähle ich schon was von „Nochmal“. Danach geht es mir schon einiges besser. Auf dem Rückweg kommen mir auch ein paar Wracks entgegen, manch einer muss sich auch übergeben. Da bin ich echt froh, dass ich damit keine Probleme habe.

Wieder im Stadion sehe ich nur viele Meldungen auf meinem Telefon, interessiert mich nun aber doch nicht wirklich, sondern ich poste nur schnell kurz einen Status und dann geht es auf zu Bier, Pasta, T-Shirt und Massage. Nach etwas über 2 Stunden nach meinem Zieleinlauf verlasse ich das Stadion und bin auf dem Weg zum Auto meiner Eltern schon wieder schneller als meine Mutter. 🙂 Zu Hause angekommen ziehe ich dann bald nochmal los, mich auslaufen 🙂 – Bier holen im Brauhaus. Mein Belohnungsbier habe ich mich aber auch verdient.

Ich weiß nicht so recht, was mit mir passiert ist, dass ich die 4 h nicht geschafft habe, stört mich überhaupt nicht. Ich bin einfach nur glücklich. Und so habe ich auch ein gutes Ziel fürs nächste Mal, denn es wird wohl nicht mein letzter Marathon bleiben.

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12 Antworten zu Nochmal, nochmal, nochmal!

  1. HendrikO schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch, hast du sehr gut absolviert. Erhol dich gut.

  2. SilberLäufer schreibt:

    Marathoni, da kannst du jetzt mächtig stolz auf dich sein!
    Wichtig ist gefinisht zu haben und gesund ins Ziel gekommen zu sein. Der erste Marthon ist eben eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Daher ist hier die Zeit sekundär. Die weiteren Erfolgserlebnisse kommen noch, denn jetzt hast du ja „Blut geleckt“!

  3. Veronika schreibt:

    Wow, herzlichen Glückwunsch. Danke für den Bericht und die Begeisterung mit der du das geschrieben hast. Das klingt alles ganz super 🙂

    Und wie sieht diese Woche bei dir aus? Regenerationsläufe? Bzw. läufst du jetzt weiterhin so häufig und so oft, oder schränkst du das jetzt ein bisschen ein?

    Super Bericht 🙂

  4. Ralf schreibt:

    Danke für die Glückwünsche.
    Evtl. laufe ich am Mittwoch wieder und am Freitag oder nur am Donnerstag, denn am Sonntag geht es ja schon zum nächsten Wettkampf – Stadtlauf Chemnitz. Aber den mache ich nur aus Spaß mit und ich habe mich auch nur für die 5 km gemeldet.
    Insgesamt werde ich das Training wohl zumindest auf viermal die Woche reduzieren. Als nächstes Ziel konzentriere ich mich auf den Halbmarathon zum Stadtlauf Dresden.

  5. rose24 schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch! Ich finde auch die Zeit sehr gut und dein Bericht ist sowieso erstklassig.

  6. Andreas schreibt:

    Gratulation auch von mir! Tröste dich, exakt so wie du es beschrieben hast, bin ich auch schon das eine oder andere Mal vorzeitig „eingebrochen“. Das ist bei einem Marathon wesentlich heftiger als bei einem HM, da die Reststrecke unendlich lang erscheint. Aber du hast es ja noch sehr gut hingebogen, ich habe damals auf der zweiten Hälfte weitaus mehr Zeit verloren. Also, nochmal: freue dich über deinen ersten, du hast es geschafft!
    (und die Strecke war ja wohl nicht gerade flach, oder?)

    • Ralf schreibt:

      Die Strecke war nicht so flach wie Berlin, aber hatte auch nicht wirklich Höhenprofil. Das bissl Anstiegszeug war auch nach 20 km erledigt, danach gab es eigentlich keinen Höhenunterschied mehr.
      Dieses Profil, die Wärme, die 3 km mit dem anderen Läufer zusammen, alles Argumente, aber keines hätte wirklich die 4 Minuten ergeben. Es sollte einfach nicht sein, aber ich freu mich fast drüber, denn so habe ich noch ein schönes Ziel fürs nächste Mal.

  7. Ralf schreibt:

    @rose24: Danke und für mein Gefühl auf den letzten 12 km ist die Zeit auch wirklich gut und nach dem Laktattest im Oktober letzten Jahres wurde mir eine theoretische Zeit von 4:13 h berechnet und das war ja eigentlich auch nur mein Ziel. Die 4 h Marke kam erst später auf.

    @Andreas: Danke und ja, der Weg ist noch lang, wenn es anfängt einem schlecht zu gehen, deshalb habe ich mir auch bei km 33 ein Gehen strikt verboten. Die 4 Minuten habe ich eigentlich erst auf den letzten 2 km wirklich verloren.

  8. -timekiller- schreibt:

    Prima gemacht, Glückwunsch! Das ist doch ein prima Debüt.

    Ich habe mit großem Interesse Deine Vorbereitung verfolgt, und habe die Hoffnung, dass ich an Deinen Erfahrungen partizipieren kann.
    Was würdest du Rückblickend anders machen? Vielleicht die Pace nicht auf 5:30 setzen und dann auch noch einen Puffer rauslaufen wollen? (ich tendiere ja auch zu solchen aktionen)

    Grüße -timekiller-

    • Ralf schreibt:

      Danke. Im nächsten Eintrag werde ich mich ein bisschen dazu auslassen, was ich evtl. anders machen würde. Prinzipiell aber nichts – weder im Training noch im Wettkampf. Die 5’30“ Pace war okay – ich hatte ja vorher sogar überlegt 5’20“ zu laufen. Der Puffer ist entstanden und ich habe ihn nicht bewusst herausgelaufen – außerdem habe ich ihn dann viele Kilometer sehr konstant gehalten. Ich hätte ein zwei Kilometer eher evtl. Tempo rausnehmen sollen und ich hätte mich mehr quälen sollen (sagt sich jetzt so einfach im Nachhinein).

  9. Mark schreibt:

    Hallo Ralf,

    ein ganz toller Bericht und eine tolle Analyse die Du vorgenommen hast. Es war Dein erster Marathon, klasse Zeit und ich würde sagen einfach dran bleiben.
    Bei Terminen sehe ich das Du Dir eine Menge vorgenommen hast, vielleicht soltest Du das ganze etwas ruhiger angehen lassen und nicht soviele Wettkämpfe bestreiten und eher auf weniger Fokusieren.
    Alles in allen klasse und nochmals Glückwunsch
    Mark

  10. Hallo Ralf,

    herzlichen Glückwunsch für Deinen ersten Marathon. Und ehrlich, die Zeit ist doch auch richtig gut für den ersten Marathon. Ein toller Bericht. Leider konnte ich nicht dabei sein. Aber irgendwann klappt es auch mal mit dem OEM. 🙂

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