Falsch abgebogen

Gestern war wunderschönes Wetter, mein Knie war okay und so ging es auf gute 10 km – zwischendurch mit zweimal Lauf-ABC.

Danach ging es noch auf Lesung und Disco, was ich aber nicht soo lange ausdehnte, da es heute wieder auf 29 km gehen sollte.

Als ich vom Bett aus dem Fenster schaute, sah ich schon Schneeflocken und war irgendwie nicht sonderlich begeistert, aber besser als Regen. Da die Temperatur um den Gefrierpunkt war, zog ich doch nicht die warme Jacke an, sondern die Wind- und Regenjacke. Darunter wird mir meist sogar wärmer, da die lange nicht so atmungsaktiv ist, aber vielleicht würde der Schnee sich ja noch in Regen wandeln.
Noch schnell mein neue Unterwegsverpflegung aus dem Ernährungsvortrag zusammengemixt und den Rest, der nicht in die Flaschen passte, habe ich aber lieber nicht zu Hause gekostet, nicht dass ich da schon wüsste, dass es nicht schmeckt.
Da ich am Freitag mich gegen den Kauf einer kleinen und vor allem leichten Knipse zum Laufen ausgesprochen habe und erstmal das neue Handy dazu testen wollte, ging mein Blackberry also mit auf die Reise. Dort habe ich noch schnell die App „adidas miCoach“ installiert, damit ich auch die Wegführung mit aufzeiche. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie interessant das im Nachhinein werden sollte.

Kleinod am Straßenrand entdecken

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Also alles starten und los. Lief gut, das Knie zickte nicht und ich fand ziemlich schnell mein Tempo. Da die Innenstadt heute in Dresden wegen den verschiedenen Veranstaltungen zum 13. Februar eher ein nicht ganz entspanntes Terrain ist, ging es wieder auf die Runde, die ich vor einer Weile wegen dem Hochwasser nahm und so schön fand. Die Kilometer verflogen nicht, aber es war alles in Ordnung. Bei km 10 zuckte mal kurz mein Knie, war danach aber wieder ganz schnell okay.
Unterwegs

Unterwegs

Nächster Ort, See, Moritzburg, heute um den Schlossteich rum, da ich ja ein Tick mehr Strecke brauchte als damals und schon ging es, zwischendurch durch das gar nicht schlecht schmeckende Getränk etwas gestärkt, Richtung Heimat. Noch 11 Kilometer und ich bin zu Hause. So links ab und dann in den schützenden Wald.

Mhm, irgendwie kommt mir der Weg doch anders vor als das letzte Mal. Okay, also kurz nach rechts korrigieren und dann sollte ich richtig sein. Mhm, irgendwie kommt die Kneipe nicht, an der ich damals vorbei bin.
Ich bin falsch.
Irgendwie werde ich aber schon rüber kommen, die Wegweiser machen mir Angst, ich laufe irgendwie falsch. Meine Beine werden schwerer, ich verfluche es, dass die Strecke dann also nicht wie geplant fertig wird. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin und wie groß mein Umweg werden wird. Meine Laune ist im Keller. Mir tut langsam alles weh. Ich teile mir mein restliches Getränk neu auf. Dann komme ich an eine Kreuzung, gefühlt müsste ich geradeaus – das ist aber ein ziemlich unbegehbarer Reitweg, also links oder rechts. Ich wähle rechts. Laufe. Der Weg könnte jetzt aber schon eine Biegung nach links machen! Endlich, irgendwann kommt mir der Weg bekannt vor, es ist der, den ich nehmen wollte, nur laufe ich den gerade in die falsche Richtung. Umdrehen? Nein, ich laufe jetzt wieder bis zur Hauptstraße und dann auf der nach Hause. 1200 m sind es bis dahin noch – letztens kam mir das vor wie ein paar wenige Meter. Hauptstraße.
Ich bin jetzt also 6 km gelaufen seit dem Abbiegen (das weiß ich erst, seit dem ich in die GPS-Aufzeichnung geschaut habe) und nur 10 m Richtung nach Hause vorrangekommen.

Meine Laune ist im Keller, ich muss jetzt noch die 11 km, der Schnee hat sich verzogen, aber der Wind wird immer stärker und kommt natürlich mir entgegen. Meine Hände sind trotz Handschuhen inzwischen eiskalt, mein Körper schmerzt und es geht bergauf. Neidisch schaue ich zur Bushaltestelle rüber. Weiter. Die Kuppen, nach denen man weiter schauen kann, bis zum nächsten Orientierungspunkt werden irgendwie endlos. Ich fluche innerlich. Jetzt kommt kein Regen, aber so „herrlich“ fiese kleine Eissplitter vom Himmel. Ich ziehe meine Jacke über die Hände. Es hilft kaum was.
Dann auf einmal, ohne mit meinem Kopf abgesprochen zu haben, gehe ich bzw. mein Körper. Nachdem ich das registriere, zwinge ich mich, wieder zu laufen, aber zu spät, wenn man einmal damit angefangen hat, macht man es immer wieder. Nach einer Weile verfalle ich wieder ins Gehen. Der Eisregen schmerzt. Meine Waden, Oberschenkel und mein Po auch. Ich will nach Hause. Dann gönne ich mir die nächste Geheinlage und halte die absichtlich etwas länger, damit es vielleicht zu einer kleinen Erholung führt. Nix. Obwohl, wenn ich gehe, zirkuliert wieder Blut in meinen Händen, wieder Laufen, aber es wird nur kurz.

Ich bin am Ende. Mein Training ist vorbei.

Jetzt heißt es nur noch irgendwie nach Hause kommen. Ich wechsle die Straßenseite und versuche zu trampen. Sehe ich nicht leidend genug aus? Merkt ihr nicht, wie eisig es ist? Oder habt ihr nur keine Lust auf Schweißgeruch? Jetzt geht es bergab, ich wechsle erneut die Seite und komme wieder ganz langsam ins Laufen. Sofort verschwindet das Blut wieder aus meinen Fingern. Ich laufe und einen ganz winzigen Tick erhole ich mich sogar. Unten angekommen ist alles vorbei. Der vor mir liegende Weg geht – wenn auch nur ganz leicht – bergauf. Mein Kopf blockiert in dem Moment wohl meinen Körper, wieder gehen. Die Strecke ist dort dann gar nicht so weit, wie gefühlt. Ich erreiche die heutige Hochsicherheitszone bzw. den Stadtrand von Dresden. Soll ich einen von den vielen Polizeiwagen fragen, ob er mich heimfahren kann? Traue ich mich dann aber doch nicht. Wieder bergab, wieder etwas laufen. Mist, Taxistand ist leer. Ich hab ja auch kein Geld mit, aber beim Taxi könnte man fragen, ob man das am Ziel von oben holen darf. Ich gehe, die letzten 2 km verfalle ich auch gar nicht mehr ins Laufen. Endlich da.
Pulsuhr aus. Den iPod schaffe ich nicht auszustellen und auf einmal ist das Training weg. Als ich versuche die Tür aufzuschließen und jemand vorbei kommt, überlege ich kurz ihn um Hilfe zu bitten. Mit aller Anstrenungen und beiden Händen bekomme ich den Schlüssel dann doch gedreht. Fahrstuhl, Wohnungstür, Tür zu, hinsetzen, direkt im Flur auf den Boden.

Ich weiß nicht mehr, wie ich meine Schuhe aus bekommen habe, wie heiß das Wasser über meine Finger floß, aber irgendwann war ich in der Lage, mir meinen Refresh-Drink zu machen und den und eine große Flasche Wasser mit ins Bad zu nehmen. Meine Klamotten habe ich noch vom Leib bekommen, koordiniert weglegen ging aber nicht. Nach 45 Minuten in der Wanne war ich halbwegs wieder am Leben.

Aua – ich freu mich schon auf den Marathon.

Wochenbilanz: 5 Trainings, 7:20:30 h, 67.75 km, Durchschnittsgeschwindigkeit: 6’30″/km, 4531 kcal, Durchschnittspuls 152

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2 Antworten zu Falsch abgebogen

  1. experiment21 schreibt:

    N´Abend Ralf,
    der Beitrag ist unglaublich. Noch bin ich nicht so weit, aber ich bin froh ein wenig herangeführt zu werden, wie es so ist, wenn man länger läuft.
    EInmal hatte ich auch das Gefühl mich verlaufen zu haben. Das war besonders ungünstig, weil es hauptsächlich bergauf ging. Dummerweise war es meine übliche „6-Uhr-Runde“, die ich bloß andersrum lief, um neue EIndrücke zu erhalten. Offenbar habe ich mir die Gegend nie näher angeschaut, denn ich hatte wirklich das Gefühl woanders zu sein, auch wenn es der selbe Weg war. Verwirrend.
    Also du läufst weiterhinjetzt 5x wöchentlich? Steigt das Pensum jede Woche oder machst du alle paar Wochen „gleichbleibendes Tempo“, also regenerierend?
    Gute Nacht und Gruß aus NRW,
    Veronika

    • Ralf schreibt:

      Runde entgegengesetzt laufen führte bei mir auch zu neuen Eindrücken und ist ganz schön. Gestern war aber heftig, weil ich zwischenzeitlich wirklich nicht mehr wusste, wo ich bin.

      Ich laufe nach wie vor fünfmal die Woche. Bin mir aber nach wie vor nicht sicher, ob das wirklich gut ist. Das Pensum steigt nicht unbedingt von Woche zu Woche, es kommen auch Regnerationswochen dazwischen und die Trainings sind schon verschieden. Nächstes Wochenende ist z.B. nicht kürzerer Lauf und langer Lauf also 10 und 29 km, sondern 14 und 22 km angesagt.

      So langsam wird mir aber auch klar, wenn Leute schreiben, dass sie aus vollem Training an einem Wettkampf teilgenommen haben und dafür mit der Zeit zufrieden sind. Man braucht davor schon ein bisschen Erholung.

      Bei mir geht es dann 4 Wochen vor dem großen Tag mit den Umfängen nur noch bergab.

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